Kreta

Wie angekündigt beginnt Mittwoch der Starkwind, mit so um die 50 km/h, noch recht moderat, später geht's dann mit 80 km/h zur Sache, wir sollen laut Hafenmeister dann lieber am Schiff bleiben. Bei Windstärke 6 gelingt es uns am Mittwoch noch die drei Versorgungsbatterien über die sehr steil zur Mole aufragende Gangway an Bord zu holen. Die ersten Tage in Kreta haben wir dem Batteriethema gewidmet, Informationen eingeholt und uns für drei AGM Batterien entschieden. Wir haben jetzt griechische Erzeugnisse, Smart Batterien, denn andere lassen sich hier schlecht besorgen. Antonis, der sehr bemühte Verkäufer, bei dem wir mehrere Male mit Maßband und verschiedenen Fragen aufgetaucht sind, liefert sie uns direkt zum Schiff und traut sich, trotz Bedenken, auch rüber aufs Boot. Wir haben einen selbstgebrannten Tsipouro von seinem Vater bekommen, einen hier typischen Traubenschnaps,  und laden ihn bei uns auf ein Tröpferl aus Österreich ein. Wir verabschieden uns freundschaftlich, so eine Anschaffung macht man schließlich nur alle 10 Jahre, hoffen wir. 
Im Handumdrehen sind alle Batterien im Boot an ihrem Platz, die alten entsorgt, die neuen angeschlossen, alles ok. 
Wir gehen noch ein letztes Mal einkaufen und dann verholen wir uns um gut zwei Meter nach vorne, sodass man um an Land zu kommen, das Beiboot benutzen muss. Dafür kann uns der starke Nordwind nicht an die Mole drücken, wir hängen gut in den Moorings.


Die nächsten zwei Tage sind schnell zusammengefasst. Das Schiff bewegt sich im Schwell ähnlich wie bei einer Überfahrt, die Hin- und Herbewegungen sind zum Glück nur selten ruckartig und sie schaukeln sich auch nicht auf, insgesamt gut auszuhalten. An Land würde ich die Bewegung am ehesten mit dem Schaukeln einer Hängematte vergleichen, nicht unangenehm, aber über Tage doch etwas anstrengend. Wir kochen und essen gut, lesen und ruhen. Erst gegen Ende bemühen wir uns mal an Land um die in den Hafen herein tosende Welle und die Gischt, welche sich über den Kai verteilt, zu beobachten und zu fotografieren. Der Hafen von Chania ist zwar einer der sichersten auf Kreta, die Einfahrt jedoch etwas unglücklich gegen Nordwesten offen und der Versuch eines Wellenbrechers, der die Welle abhalten soll, ragt gerade mal mit ein paar Steinen aus dem Wasser. Er hat sich also schon wieder verabschiedet und ist jetzt eher eine Gefahrenstelle als hilfreich. Die Wellen brechen, schäumen weiß und hellblau, Fontänen schießen überall hoch, über die Mauer des Forts, an der Mole, an jedem Stein der im Weg ist, überall. Sehr eindrucksvoll, besonders wenn man sich überlegt, wie man bei dem Wetter diesen schützenden Hafen anlaufen möchte und bei diesen Wellen hier einreiten müsste. Ob das gelingen würde? Wir haben unsere Zweifel. 


Die Wettervorhersagen sind sich nicht ganz einig, im Mittel stimmt die Vorhersage aber, Samstag wird der Wind wieder moderat und Sonntag ist alles flachgestrichen, kein Hauch, alles vorbei. Alle Lokale öffnen ihre Pforten, überall wird mit Hochdruckreiniger Algen und Getier zurück ins Meer befördert, die Sonne wärmt wieder und die Menschenmassen sind auch wieder da. Das Osterwochenende ist gerettet. Wir liegen gut, jeden Tag mit Lifemusik vom Schiff aus genossen und mit einem gepflegten Glaserl Wein. 
Mutig haben wir schon vor dem Sturm für Samstag bis Montag ein Leihauto reserviert. Günstig, so schaut es dann auch aus. Eine Klapperkiste, bei der alle Reparaturlampen aufleuchten, die Bremsen raffeln und die Lager melden sich auch in den Kurven. Eigentlich sollte man damit eher in der Ebene bleiben, aber da wir in den Süden und in die Berge wollen, fahren wir mit ein paar Probebremsungen los. Nicht nur wegen dem Zustand des Autos, auch die vielen, bis zu einem halben Meter tiefen Schlaglöcher, in denen ein Rad verschwinden könnte und die Achse ihr Leben aushauchen, lassen uns die vom Autovermieter belanglos hingekritzelte Nummer des Pannendienstes nochmals suchen und ordentlich notieren, man hofft ja trotzdem sie nicht zu brauchen. Überhaupt war für den Vermieter alles kein Problem, der leere Tank, die Beulen und Kratzer rundherum, ist eh Vollkasko und wir haben auch noch eine dringend empfohlene Selbstbehaltversicherung bezahlt. Bleibt nur zu hoffen, dass er bei der Rückgabe auch so freundlich ist und sich übers Wochenende keine Probleme auftun.
Wir nutzen die drei Tage für ausgedehnte Ausflüge in den Süden der Insel mit tollen Schluchtenwanderungen und zuletzt einem Ausflug in die weißen Berge. Die sind, wie auch auf den Fotos festgehalten, wirklich noch weiß, wir stehen im Schnee und freuen uns über den Kontrast. Allerdings fällt die Wanderung dann doch kürzer aus, wir drehen um, weil wir für so viel Schnee nicht richtig ausgerüstet sind und als Österreicher wollen wir nicht die doofen Touristen sein die dann unter widrigen Umständen geborgen werden müssen.

Auch die Samaria-Schlucht ist noch gesperrt, wäre die ultimative Schluchtenwanderung, wir nehmen also die kleine Schwester Imbros-Schlucht und wandern sie gleich rauf und runter. Als zweite Tour wählen wir die Runde über die Figou-Schlucht und Agia Irini-Schlucht. Die Wanderungen über die alten Wege, die sogenannten Kalderimi, bieten herrliche Ausblicke und Begegnungen mit Ziegen, Schafen und lassen uns gelegentlich auch Kräuter finden. Frische Kräuter müssen immer mit, diesmal ist es Salbei.
Es ist noch früh in der Saison überall wird repariert und gestrichen, man kann schon in dieser kurzen Zeit jeden Tag neue Lokale und Geschäfte entdecken, alles erwacht. Auch die Natur, anfangs haben fast nur gelbe Büsche geblüht, jetzt blühen die Obstbäume in weiß und rosa, auch Unmengen unterschiedlicher Blumen und auch die Blüten der Orangenbäume duften betörend. 


Nachdem wir uns wieder an heruntergefallene Früchte heranmachten und sie verkosten, sind wir enttäuscht, dass sie eher bitter und sehr kernreich sind, nicht so saftig, süß und kernlos wie letztes Jahr. Ist es die falsche Zeit für Orangen? Sind die noch nicht reif? Bei einem köstlichen Essen in einem Bergdorf bekommen wir Yoghurt mit eingelegten Orangenschalen, jetzt klärt sich das Rätsel. Hier ist die Region der Bitterorangen, Pomeranze, die ersten Orangensorten die in Europa eingeführt wurden, eine Spezialsorte, die für Marmeladen und eben als Nachspeisen, für kandierte Früchte usw. verwendet wird. Na da sollten wir ja glatt ein paar Gläschen Marmelade machen bevor wir hier ablegen, denn nichts geht über hausgemachte Spezialitäten. Mr. Google hilft uns geeignete Rezepte zu finden, die Technik macht heute schon vieles sehr viel einfacher. Kaum vorzustellen wie man ohne sie auskommen würde und wie wenig Information man dann tatsächlich hätte. Wir genießen die Dinge, die wir auf Reisen nutzen können sehr bewusst, ist hier ohnehin alles nicht so selbstverständlich wie im Alltag zu Hause. 


Für alle die sich jetzt wegen dem Auto Sorgen gemacht haben, Robert ist den Schlaglöchern und Steinen, die auch in allen Größen und in Maßen auf den Straßen rumliegen, gekonnt ausgewichen, hat Schotterstraßen, Bachdurchfahrten, allen Hindernisse gut gemeistert und uns und das Auto heil zurück gebracht. So eine Testfahrerlizenz ist ja doch was wert.
Die Zeit vergeht rasch, wir haben noch einiges aus den Reise- und Wanderführern rausgesucht, was uns reizen würde, jetzt müssen wir schon Abstriche machen, denn alles wird sich nicht mehr ausgehen. Den Ausflug nach Rethymnon machen wir per öffentlichem Bus, denn ohne Wind brauchen wir da nicht hinsegeln versuchen. Rethymnon wäre der zweite Hafen gewesen, den wir gerne angesteuert hätten, nach Besichtigung, ist es kein Fehler dort nicht angelegt zu haben. Die Marina ist wenig einladend und der Stadthafen so klein, dass man wirklich direkt ins Lokal aussteigen müsste, man wäre sozusagen die letzte Reihe Tische vom Lokal. Da geht es uns hier in Chania richtig gut mit der Flaniermeile und den Lokalen in Sicht und Hörweite, aber eben nicht direkt vor der Nase. 


Für die Besichtigung von Irakleon und Knossos entscheiden wir uns dann nochmals für ein Leihauto, denn der öffentliche Bus benötigt drei Stunden in eine Richtung und kostet auch 13 Euro pro Person. Wir bekommen als gute Kunden ja schon Prozente bei unserem Autovermieter, also pilgern wir nochmals hin und buchen für weitere zwei Tage. Der Chef, wirkt ein bisschen unseriös, er tippt in seinem Taschenrechner rum und murmelt dann einen Preis, die Berechnung ist nicht ganz nachvollziehbar, das Ergebnis passt aber. Wir bekommen diesmal ein deutlich größeres Auto in weit besserem Zustand. Seine Tochter, die das Auto dann wieder entgegen nimmt ist auch eine Nummer, überfreundlich und unnatürlich, man könnte es übertriebener nicht spielen. 
Irakleon ist auch in der Altstadt und im Hafenviertel eine Großstadt. Breite Fußgängerzonen, sonst viel Verkehr, alles recht weitläufig. Uns interessiert natürlich immer der Hafen und wo und wie wir hier liegen könnten. Hier ist eine kleine Marina ausgebaut, man steht dicht an dicht und die Flugzeuge streifen beim Starten und Landen beinahe die Masten. Eindrucksvoll als vorbeikommender Zuschauer, wohnen möchten wir hier eher nicht. 
Knossos wollten wir uns unbedingt anschauen, ist es doch die größte minoische Ausgrabung (2. Jahrhundert vor Christus) und noch dazu ordentlich aufgebaut, sodass man sich auch was vorstellen kann. Deshalb wird es auch als archäologisches Disneyland bezeichnet, denn wissenschaftlich scheint hier allerhand Diskussion offen zu sein und wahrscheinlich war alles anders als sich Arthur Evans, der verantwortliche Archäologe, sich dass so zusammengereimt hat. Na jedenfalls gibt es hier nicht nur Grundmauern oder Felder voll zusammenhangloser Steinen, sondern mehrstöckige Gebäude, in denen Wandmalereien, so wie sie auch gefunden wurden, ausgestellt sind. Bodenmalereien sind zwar jetzt an den Wänden, was sie so darstellen ist auch viel Spekulation, aber insgesamt sehr eindrucksvoll und man kann sich schon ein bisschen vorstellen, was sich damals alles so abgespielt hat. Wobei man natürlich von jetzigen Lebenswichtigkeiten geprägt ist. Mir fällt dann immer der Film "Das Fest des Huhns" ein, bei dem ein Afrikaner unsere Kultur besucht und beschreibt, ein österreichisches Zeltfest - das Fest des Huhns- (wegen der vielen Grillhendeln). Die Betrunkenen machen sicher irgendwelche schamanischen Rituale und so weiter, alles aus seiner Kultur nachvollziehbar, für uns völlig daneben. Hier in Knossos wird auch über ein mögliches Matriachat spekuliert, feministische Historikerinnen waren da sehr aktiv mit diesen Überlegungen, so kann sich jeder aus der Geschichte was rausnehmen was erstrebenswert erscheint.  
Auf jeden Fall wird man angeregt sich mit Lebensweisen, Lebensformen und Kulturen auseinander zu setzen, erlebbare Geschichte. Die Reise, so offen wie wir sie derzeit leben können, bietet viele Begegnungen und kleine nette Momente. Hier kommen immer wieder Passanten am Schiff vorbei und reden uns an, erzählen von ihren Segelerlebnissen, oder warum sie sowas nicht machen wollen, berichteten von den unterschiedlichsten Ländern, von tollen Orten und solchen, die man meiden sollte. Wir haben auch Kontakt mit unseren Bootsnachbarn und anderen im Hafen geknüpft, drei Schiffe, drei unterschiedliche Lebenskonzepte, alle derzeit Ziel Karibik. Mal sehn ob wir uns noch öfter treffen. 


Da wir nicht mehr rasch unterwegs sind, ziehen wir es auch vor bei Irakleon zu bleiben und gleich am nächsten Tag eine Wanderung zur Prinus-Hütte (auf 1000 Meter) am Fuße des Piloritis (2454 Meter), des höchsten Berges Kretas zu unternehmen. Wir fahren abends etwas raus aus Irakleon und wollen in einer gemütlichen Taverne essen und dann irgendwo übernachten. Kaum draußen aus der Stadt ist die Gegend wie bei uns in der Südsteiermark, sanfte Weinberge, hier gemischt mit Olivenhainen, kleine Ortschaften auf jedem Hügel oder in der Talsenke. Doch überall nur Kafeneons mit einer „Altherrenrunde“, nirgends sieht es nach Essen aus, keine „Buschenschenken“. Kurz bevor wir aufgeben wollen dann ein Hinweisschild Earino- accomodation, tavern, café. Wir folgen den Schildern rauf auf den Berg und tatsächlich tut sich ein wunderschön gelegenes Ambiente mit Taverne und Appartements auf. Der Abend ist gerettet! Übrigens ist es hier wirklich außergewöhnlich schön, die Lage ideal für Ausflüge zu den wichtigsten Städten Kretas, den Ausgrabungen und für Wanderungen und abends kann man hier die Seele baumeln lassen. Wäre ein brauchbares Domizil, falls wer Lust auf Urlaub in Kreta bekommen hat (www.earino.gr).
Hier ist es kein Fehler mittags schon wieder vom Berg zurück zu sein, im April kommt man bei fast dreißig Grad schon ordentlich ins Schwitzen. Bergsteigen ist überall was Besonderes, der Überblick über die Gegend, die Ruhe, die Natur. Ganz besonders schön hier ist der Blick über die hügelige Landschaft und raus aufs Meer. Hier verbinden sich unsere Welten, wir genießen es. 
Auf dem Rückweg nach Chania umrunden wir noch mit dem Auto den Piloritis, füllen unsere Kanister mit frischem Quellwasser, denn am Hafen ist das Wasser aus der Leitung kaum trinkbar und auch für die Überfahrt nach Malta brauchen wir genug Wasser.


Der Abschied von hier fällt uns nicht leicht. Ist es weil es unsere erste Insel war, die wir so ausgiebig erleben konnten, oder hat uns Kreta so verzaubert? Vielleicht ist es auch der Abschied von Griechenland, wir haben uns hier sehr wohl gefühlt, ein sehr schönes, sympathisches Land. Wir hoffen, dass die Griechen ihre Offenheit und ihre positive Lebenseinstellung aufgrund der politisch, finanziellen Schwierigkeiten nicht verlieren. Es wäre echt schade.


Wäsche-Waschtag, Schiff fertig machen, morgen bei Port Control und Coast Guard abmelden, dann verschwindet Kreta rasch in unserem Kielwasser. Die Erinnerungen und unser positives Gefühl werden noch lange aktiv bleiben und uns begleiten, gut so.